Handeln durch Leidensdruck? Oder durch Einsicht?


Ich war in meinem Leben stets ein Optimist, und ich würde es gerne bleiben. Aber wenn das so weitergeht, ist eine Revolution unaufhaltbar. In der Erd-Epoche handelte der Mensch in der Regel erst dann, wenn der materielle Leidensdruck groß genug war. Die Geschichte lehrt uns, dass, wenn die Oberschicht immer nur bestrebt ist, ihren Standard aufrecht zu halten, es ihr irgendwann an den Kragen geht. Die Französische Revolution ist nur eines von vielen Beispielen.
Wie wär’s, wenn wir jetzt im Übergang von der Erd- zur Luft-Epoche nicht mehr auf den unerträglichen Leidensdruck warten, sondern handeln würden aufgrund von Einsicht?
In unserer Welt wird immer nur reagiert und nie agiert. Wo sind die Visionäre? Wohlverstanden, sie müssen und können uns nicht das Paradies auf Erden bescheren, aber sie könnten doch immerhin den einen oder anderen Bereich unserer Gemeinschaft besser machen?

Unser Rentensystem

Alt-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf sagte kürzlich in einem Interview, die Frauen müssten länger arbeiten, um die Renten zu sichern. Mit anderen Worten: Die Mittelschicht soll noch mehr schuften, als sie es jetzt schon tut, um sowohl die Ober- wie auch die Unterschicht durchzufüttern. Das wird nicht funktionieren, denn wer die Zeitqualität gut beobachtet, wird feststellen, dass das Thema “Lebenssinn” im Mainstream angekommen ist. Immer weniger Menschen sehen ein, warum sie 45 Jahre lang neun Stunden am Tag malochen sollen, um dann nach der Pensionierung “noch ein wenig das Leben zu genießen”. Immer öfter fordern selbst Berufsleute mit einem tollen Job eine Reduktion ihrer Arbeitszeit auf 50 oder 60 Prozent.
Wenn kein Visionär das Ruder herumreißt, wird es zu einem Zusammenbruch unseres Rentensystems und damit zu einer nie dagewesenen Armut kommen, und schließlich zu einer Revolte, denn die Schweizer Bevölkerung wird sich das nicht gefallen lassen.
Ein unlösbares Problem? Nein.

Hier ist ein Lösungsvorschlag: Die Finanztransaktionen in der Schweiz betragen jährlich um die 43 Billionen Franken. Wenn wir darauf eine lächerliche Mikrosteuer von 0,4 % erheben, können wir mit dem Erlös 4,8 Millionen Schweizern ein monatliches Grundeinkommen von 3000 Franken sichern.

Unsere Landwirtschaft

Zwischen 2015 und 2021 ist der Anteil der Vegetarier und Veganer von 2,9% auf 4,7% angestiegen. Wenn dieser Trend anhält – und vieles deutet darauf hin – dann werden zahlreiche Viehzüchter bald nicht mehr gebraucht. Auch sie würden von diesem Grundeinkommen profitieren, ganz abgesehen davon, dass dann auch die massiven Subventionen an die Fleischwirtschaft ausbleiben könnten.

Unsere Kleinbetriebe

In den Ballungszentren der USA gibt es seit Jahren praktisch keine Kleinbetriebe mehr. Fast alle Branchen sind in der Hand großer Konzerne. Auch bei uns ist diese Tendenz zu erkennen, so dass den Klein-Unternehmern mit der Zeit nichts anderes übrig bleiben wird, als in einem Konzern mitzuarbeiten oder sich von unserem Sozialsystem durchfüttern zu lassen. Ein Grundeinkommen würde ihnen ihre Würde zurückgeben und sie zu innovativen Ideen animieren, denn ein Unternehmer bleibt ein Unternehmer; er wird nicht von einem Tag auf den anderen zum Unterlasser.

Unsere Arbeiterschicht

Immer mehr manuelle Arbeit wird von Robotern übernommen oder kann online erledigt werden. Schalterbeamte bei der Bank oder Post werden immer weniger gebraucht. In unseren Supermärkten wird es in ein paar Jahren nur noch Self-Scanning-Kassen geben. Ja, einige Menschen wird man auf neu entstandene Branchen umschulen können, aber ich bezweifle, dass man eine Fabrikarbeiterin oder eine Supermarkt-Kassiererin mal eben in eine Programmiererin für Virtual Reality verwandeln kann.
Ein Grundeinkommen würde dieses Problem lösen.

Unsere Energie-Situation

Der Ukraine-Krieg bringt ein Versorgungsproblem mit sich, vor allem im Energiesektor. Lösen soll es einmal mehr der kleine Mann und die kleine Frau. Sie sollen zum Energiesparen gezwungen werden, während die “Großen” den Teufel tun und sich einschränken. Dabei gäbe es – zumindest bei uns in der Schweiz – zahlreiche Möglichkeiten, ganz schnell von ausländischem Gas unabhängig zu werden.
Anstatt per Notrecht Lockdowns zu verordnen und die Wirtschaft an die Wand zu fahren, könnte man ebendieses Notrecht dazu verwenden, Bewilligungsverfahren für Solaranlagen zu vereinfachen und die selbsternannten “Ortsbild-Schützer” auszuhebeln. Was nützt es uns, wenn wir die Ziegel auf den Dächern sehen können, während in den Häusern der Strom abgestellt wird?

Fazit

Jeder, der nur halbwegs klar denken kann – und ja, ich zähle die Mehrheit unserer Politiker dazu – weiß haargenau, dass gewaltige Probleme auf uns zukommen, wenn wir jetzt nicht das Steuer herumreißen. Müssen wir wirklich warten, bis der Leidensdruck unerträglich wird? Oder könnte die Luft-Epoche bewirken, dass wir ein intellektuelles Einsehen haben und vorher handeln?

2 thoughts on “Handeln durch Leidensdruck? Oder durch Einsicht?”

  1. Sehr schön auf den Punkt gebracht. Ich bin der Überzeugung, dass diese Thematik bei uns in Deutschland noch gravierender ist als in der Schweiz. Es wird immer nur “verschlimmbessert”. Ich wünsche mir auch eine vernunftgesteuerte Politik mit wirklich sinnvollen Maßnahmen, wie du sie in diesem Blog beschrieben hast. Allein die Wahrscheinlichkeit spricht eher für den großen Knall. Ich wünsche mir nichts mehr, als mit dieser Meinung unrecht zu haben!

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