Warum ein Arzt nicht doktoriert haben muss…


Eigentlich müsste die Überschrift lauten “Unser marodes Gesundheitssystem”. Aber dann hätten Sie vermutlich diesen Artikel nicht zu lesen begonnen, oder? Lassen Sie mich erklären:
Der Titel “Dr. med.” bedeutet nur eines: Dieser Mensch hat bewiesen, dass er wissenschaftlich arbeiten kann. Über seine praktischen Fähigkeiten als Therapeut oder Heiler sagt das weniger als gar nichts aus.

Wenn Sie also darauf bestehen, von einem promovierten Arzt behandelt zu werden, dann ist es Ihnen offenbar wichtig, dass dieser Mensch ein Forscher ist; die heilerischen Fähigkeiten sind für Sie zweitrangig. Nein? Sie sind nicht einverstanden? Dann gebe ich noch einen drauf: Ein medizinischer Forscher führt unter anderem sogenannte Doppelblindstudien durch. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass man hundert Krebspatienten in zwei Gruppen teilt. Die eine Gruppe bekommt ein neues, vielversprechendes Medikament, und die andere ein Placebo, also ein völlig unwirksames Präparat. Wenn von der Verum-Gruppe, also von derjenigen mit dem richtigen Medikament, weniger Menschen sterben, ist der Forscher glücklich, denn er hat ein solides wissenschaftliches Resultat. Dass er damit den Tod von ein paar Personen in der Placebo-Gruppe in Kauf nimmt, schließt ihn meines Erachtens aus der Heiler-Gilde aus. Warum das?

Zwar gilt für Ärzte, entgegen der landläufigen Meinung, schon lange nicht mehr der Eid des Hippokrates, sondern die Genfer Deklaration des Weltärztebundes. Sie lautet in der Fassung von 2017:

Das ärztliche Gelöbnis

Als Mitglied der ärztlichen Profession gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen.

Die Gesundheit und das Wohlergehen meiner Patientin oder meines Patienten werden mein oberstes Anliegen sein.

Ich werde die Autonomie und die Würde meiner Patientin oder meines Patienten respektieren.

Ich werde den höchsten Respekt vor menschlichem Leben wahren.

Ich werde nicht zulassen, dass Erwägungen von Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaube, ethnischer Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politischer Zugehörigkeit, Rasse, sexueller Orientierung, sozialer Stellung oder jeglicher anderer Faktoren zwischen meine Pflichten und meine Patientin oder meinen Patienten treten.

Ich werde die mir anvertrauten Geheimnisse auch über den Tod der Patientin oder des Patienten hinaus wahren.

Ich werde meinen Beruf nach bestem Wissen und Gewissen, mit Würde und im Einklang mit guter medizinischer Praxis ausüben.

Ich werde die Ehre und die edlen Traditionen des ärztlichen Berufes fördern.

Ich werde meinen Lehrerinnen und Lehrern, meinen Kolleginnen und Kollegen und meinen Schülerinnen und Schülern die ihnen gebührende Achtung und Dankbarkeit erweisen.

Ich werde mein medizinisches Wissen zum Wohle der Patientin oder des Patienten und zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung teilen.

Ich werde auf meine eigene Gesundheit, mein Wohlergehen und meine Fähigkeiten achten, um eine Behandlung auf höchstem Niveau leisten zu können.

Ich werde, selbst unter Bedrohung, mein medizinisches Wissen nicht zur Verletzung von Menschenrechten und bürgerlichen Freiheiten anwenden.

Ich gelobe dies feierlich, aus freien Stücken und bei meiner Ehre.

Genfer Deklaration Weltärztebund 2017


Somit ist klar: Jeder Mediziner muss sich entscheiden. Will er forschen, oder will er heilen? Die Unverträglichkeit dieser beiden Richtungen verlangen somit eine grundlegende Revision unserer Gesundheitspolitik. Wir sollten in Zukunft zwei Berufsrichtungen definieren: “Medizinischer Forscher” und “Medizinischer Therapeut”. Der Forscher darf, wenn er es denn für seine Selbstsicherheit benötigt, gerne doktorieren, dem Therapeuten muss es untersagt sein, dies zu tun.

Viele Laien spüren offenbar instinktiv, dass sie beim “Dr. med.” nicht immer in den besten Händen sind, und weichen daher vermehrt auf Heilpraktiker aus. Und damit mache ich ein neues Fass auf: Die Berufskriterien des Heilpraktikers sind europaweit chaotisch geregelt. In Deutschland beispielsweise soll die Heilpraktikerprüfung lediglich sicherstellen, dass der Kandidat “keine Gefahr für die Volksgesundheit” darstellt; die Prüfungsanforderungen unterscheiden sich außerdem von Bundesland zu Bundesland. “Heilpraktiker” bedeutet also in Deutschland lediglich, dass man ein paar stupide Fragen beantworten konnte. Ja, die Fragen sind zum Teil wirklich stupid und praxisfern, denn der einzige Grund für die Prüfung scheint der zu sein, dass nur 20 Prozent der Teilnehmer sie bestehen.
Wenn ich außerdem sehe, wie in letzter Zeit immer mehr Menschen aus der Heilpraktiker-Gilde zu Verschwörungs-Erzählern werden, oder noch schlimmer, wie ein norddeutscher Heilpraktiker, den ich früher respektiert habe, und der mir die Neural- und die Psychokinesiologie beigebracht hat, heute Anführer der dortigen Neonazi-Szene ist, dann weiß ich: Auch hier bedarf das System einer massiven Transformation. Und das mit der “Gefahr für die Volksgesundheit” wird leider nach der Prüfung nicht mehr überwacht, sonst müsste man ganz vielen die Praxis-Erlaubnis entziehen.

Wahrscheinlich werde ich die von mir gewünschte Revision des Gesundheitssystems nicht mehr erleben. Dann muss ich halt nochmals inkarnieren, wenn es so weit ist. Ach so, Entschuldigung, die Reinkarnationstheorie ist ja unwissenschaftlich, im Gegensatz zum weltweit anerkannten Fachgebiet der Psychologie. Ist ja auch ein Riesen-Unterschied! Reinkarnation kann man nicht beweisen, aber die Seele kann man sehen, hören und fühlen… und daher auch erforschen.

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