Offener Brief an Olaf Scholz


Lieber Olaf Scholz

Wenn Du “offener Brief” hörst, wirst Du vermutlich sofort an Alice Schwarzer denken, und ich geb’s zu: Schwarzers Bedürfnis, auch im Alter noch wahrgenommen zu werden, kann ganz schön nerven.

Mir geht es in diesem Brief um etwas anderes. Ich weiß, auch SPD-Kanzler sind nur Menschen, manche sogar noch schlechtere als etliche Kollegen der konkurrierenden Parteien. Gerhard Schröder zum Beispiel war mir von Anfang an zuwider. An einer Tagung in der Stadthalle Frankenthal, wo ich kurz nach Schröders Wahl zum Bundeskanzler als Referent auftrat, sagte ich unter anderem: “Wie wird sich Helmut Kohl wohl fühlen, nachdem er gegen einen Mann mit dem Charisma eines Zuhälters verloren hat?” Damals ging ein Raunen durch das Publikum, das ich nicht zu deuten vermochte. Aber klar ist: Ich sollte Recht behalten. Dieser Mann verhielt und verhält sich wie ein Zuhälter.

Das sollte aber nicht die Regel sein, und ich hatte große Hoffnung, dass Du endlich etwas tun würdest für das marode Bildungssystem in Deutschland. Das würde mittel- bis langfristig bewirken, dass die Deutschen klüger würden und nicht jeden Blödsinn glauben. Ferner wäre im Hinblick auf weitere zu erwartende Pandemien eine bessere Entlöhnung des Pflegepersonals angebracht. Dir fallen bestimmt noch weitere Dinge ein, die dringend angepackt werden müssten.
Aber eben, Du warst der Meinung, für all das fehlt das Geld.

Dann kommt so ein irrer Russe daher und überfällt ein demokratisches Land, und schon sprichst Du 100 Extra-Milliarden fürs Verteidigungs-Budget. Wohlverstanden, Milliarden, die Du zuerst drucken musst, weil es sie noch gar nicht gibt. Und für das, was andere Schulden nennen, hast Du ein tolles neues Wort auf Lager: Sondervermögen!
Ganz abgesehen davon, dass das sehr kurzsichtig ist, weil es Dein Land in eine geradezu unflätige Inflation stürzen wird (wobei das dann wahrscheinlich schon Dein Nachfolger ausbaden darf, gell?), frage ich mich, warum man so ein Sondervermögen nicht auch für Bildung und Digitalisierung aus dem Boden stampfen könnte.

Die Antwort ist vermutlich einfach: Du bist kein Aktions-, sondern ein Reaktions-Kanzler. Und das, lieber Olaf, ist die Strategie der Schwachen. Da hilft es auch nicht, wenn all die anderen Schwächlinge im Bundestag Dir für Deinen 100-Milliarden-Coup Standing Ovations gespendet haben.

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