Querdenker durchschaut


Querdenker-Demo


Querdenker. Einem Feld-, Wald- und Wiesenkomiker würde sofort der Spruch einfallen: “Leute, das impliziert ja, dass da jemand denkt! Ist das nicht ein wenig weit gegriffen?” Irgend einem Profi-Clown im deutschsprachigen Fernsehen wird dieser Spruch doch ganz bestimmt eingefallen sein, oder?

Ich werde es mir nicht so einfach machen, sondern versuchen, schrittweise zu analysieren, was ein Querdenker ist, und wie er dazu kommt, so zu denken und sich so zu nennen.


Querdenker – was ist eigentlich das Gegenteil?


Sucht man im Internet nach dem Gegenteil von “quer”, bekommt man vom Urgestein deutscher Grammatik, dem Duden, ein großes Fragezeichen serviert. Andere Websites liefern Begriffe wie “hoch”, “längs” und “parallel”.
Wenn man nach dem Begriff “Querdenken” sucht, liefert Wikipedia diese Aussage:


Laterales Denken (von lateinisch latus „Seite“), auch Querdenken genannt, ist eine Denkmethode, die im Rahmen der Anwendung von Kreativitätstechniken zur Lösung von Problemen oder Ideenfindung eingesetzt werden kann.

Gegen Problemlösungen und Ideenfindung kann niemand etwas haben. Die Frage ist nur: Denken die Pandemie-Querdenker tatsächlich an das Finden einer Lösung? Und wenn ja, wie sähe die aus? Ist es die Errichtung einer Diktatur? Bei den Trump-Anhängern liegt dieser Verdacht nahe, nur dass es sich natürlich nicht um eine Diktatur handelt, solange der Diktator einem sympathisch ist und man sich von ihm Vorteile verspricht. In den USA müsste man heutzutage sogar noch etwas weiter gehen und sagen “solange er der eigenen Partei angehört”, denn wenn Trump zu den Demokraten gehen würde, wo er notabene früher einmal war, wär’s vorbei mit dem Hype.


Ist Denken grundsätzlich positiv?


In der Redewendung “das Land der Dichter und Denker” klingt an, dass Denken grundsätzlich etwas Positives sein muss. Ja, und was ist mit dem Satz “ich denke, ich lass’ mich heute mal volllaufen”?
Das deutsche Wörterbuch von “Oxford Languages” liefert zwei Definitionen für “Denken”:

1. die menschliche Fähigkeit des Erkennens und Urteilens anwenden; mit dem Verstand arbeiten; überlegen
“logisch, nüchtern, schnell denken”

2. eine bestimmte Gesinnung haben, gesinnt sein
“rechtlich, freiheitlich, spießbürgerlich, gemein denken”

Ich bin nicht sicher, ob Punkt 2 nicht eher unter “Glauben” fallen sollte anstatt unter “Denken”. Wikipedia sagt dazu:

Im gebräuchlichsten Sinne bezeichnet der Begriff Denken bewusste kognitive Prozesse, die unabhängig von sinnlichen Reizen stattfinden können. Die charakteristischsten Formen sind Urteilen, Schlussfolgern, Begriffsbildung, Problemlösen und praktisches Überlegen. Aber auch andere mentale Prozesse, wie eine Idee zu erwägen, Erinnerung oder Imagination, werden oft mit einbezogen. Diese Prozesse können innerlich unabhängig von den Sinnesorganen ablaufen, im Gegensatz zur Wahrnehmung. Im weitesten Sinne kann jedoch jedes mentale Ereignis als eine Form des Denkens verstanden werden, einschließlich der Wahrnehmung und unbewusster mentaler Prozesse. In einem etwas anderen Sinne bezieht sich der Begriff Denken nicht auf die mentalen Prozesse selbst, sondern auf mentale Zustände oder Ideensysteme, die durch diese Prozesse hervorgerufen werden.

Oh là là, einfach wird das nicht! Im Lexikon des Philosophie Magazins steht noch mehr dazu:

Denken
Vom lat. pensare, „abwägen, schätzen“. Eine psychische Aktivität als Ganzes oder eine, die spezifisch auf Erkenntnis abzielt. Wird häufig als Gegensatz zum Willen und zum Gefühl verstanden.  Platon definiert das Denken als Dialog zwischen der Vernunft mit sich selbst. Für Descartes ist es „alles, was derart ins uns geschieht, dass wir uns seiner unmittelbar aus uns selbst bewusst sind“. Es ist damit auch ein Synonym für Bewusstsein. Kant präzisiert, dass die im Bewusstsein gesammelten Anschauungen vom Verstand konzeptualisiert werden, so dass denken urteilen heißt. Die Fähigkeit zu denken ist auch das, was den Menschen charakterisiert und ihm seine Würde verleiht. So kommt Pascal zu dem Schluss, „der Mensch ist nur ein Schilfrohr, das schwächste der Natur, aber er ist ein denkendes Schilfrohr“. Heidegger wiederum lehnt es ab, das Denken mit der Vernunft gleichzusetzen. Wenn „die Wissenschaft nicht denkt“, liege das daran, dass sie eher erklären als begreifen wolle. In seiner Schrift „Was heißt Denken?“ lädt er seine Leser ein, denken zu lernen, indem sie ihren Horizont über den streng rationalen Diskurs hinaus erweitern und die Welt poetischer interpretieren, wie es die Vorsokratiker taten oder die Weisen in der chinesischen und indischen Philosophie.

Ich bin überzeugt, dass jeder, der heutzutage als Querdenker auf die Straße geht, sich diese und weiterführende Überlegungen zum Thema “Denken” gemacht hat. Und dafür schon einmal ein herzliches “Chapeau” von meiner Seite!


Einmal Querdenker – immer Querdenker?


Nehmen wir einmal an, der Querdenker bekommt recht. Seine Theorien haben sich als zutreffend erwiesen, und die längsdenkenden Politiker ziehen ihre Konsequenzen und treten zurück oder werden abgesetzt. Ein Querdenker übernimmt die Führung. Werden jetzt alle Querdenker zu Längsdenkern? Oder stellen sie sich dem neuen Führer ebenfalls in die Quere? Und wenn nein, sind dann die neuen Querdenker auf einmal die Bösen in den Augen der ehemaligen Querdenker? Gilt dann Längsdenken als salonfähig? Und was macht der querdenkende Führer? Denkt er dann quer zu dem, was das Volk denkt?

Ich möcht’s schon gerne wissen, denn in einigen Bereichen des Lebens würde ich mich ebenfalls als Querdenker bezeichnen. Allerdings habe ich dabei immer die Kreativität und das Finden einer Lösung im Blick. Wenn ich merke, dass ich mit traditionellen Denkansätzen nicht weiterkomme, versuche ich es mit Querdenken. Es kann sogar hilfreich sein, zwischen Längs- und Querdenken hin und her schalten zu können, um optimale Lösungen zu finden.


Der Querdenker sucht eine Lösung – aber zu welchem Problem?


Das, was ich mir jetzt erlaube, ist reine Spekulation. Aber Hand aufs Herz, was tun denn die Pandemie-Querdenker anderes als Spekulieren?
Ich denke also jetzt einmal quer zu den Querdenkern und sage: Ihr Problem ist, dass sie eine Lösung dafür suchen, warum sie mit ihrem Leben unzufrieden sind. Nur gibt es dafür keine Lösung, sondern bestenfalls eine Ursache. Und die muss irgendwo im außen liegen; es kann nicht sein, dass jeder selbst schuld ist, wenn er im Leben versagt hat. Wobei man da schon wieder eine Klammer aufmachen und sich fragen müsste, was “Versagen” bedeutet, und wie der Querdenker zum Schluss kommt, dass er versagt hat.

Ich traue mich fast nicht, die psychologischen Abwehrmechanismen zu erwähnen: Projektion zum Beispiel. Wenn ich mit einem inneren Konflikt nicht umgehen kann, verlagere ich ihn nach draußen. Schon öfter vorgekommen bei amerikanischen Politikern oder TV-Evangelisten, die sich öffentlich gegen Homosexualität aussprachen und dann in einer Flughafen-Toilette bei homosexuellen Handlungen erwischt wurden. Jörg Haider, die einstige Lichtgestalt der rechtsradikalen Szene, grüßt aus dem Grab.

Es ist also einfacher für die Querdenker, auf die Straße zu gehen, weil die Politiker versagt haben, als sich ihr eigenes Versagen einzugestehen und – Gott bewahre – etwas dagegen zu tun.

Ja, ich geb’s nochmals unumwunden zu: Das ist Spekulation. Allerdings Spekulation, die auf meinen persönlichen Erfahrungen beruht und nicht auf den Behauptungen von Betreibern irgendwelcher Internet-Seiten. Ich kenne viele Menschen, die sich als Querdenker bezeichnen, habe sogar etliche in meiner Kundendatei. Und keiner, ich wiederhole, keiner und keine von ihnen würde ich mir für eine optimale Lebensführung zum Vorbild nehmen.

Aber es kann gut sein, dass das den Querdenker überhaupt nicht interessiert, weil er sagt: “Psychologie war gestern. Wissenschaft war gestern. Optimale Lebensführung war gestern. Erfolgsdenken war gestern. Vorbild sein war gestern. Jetzt ist Querdenken angesagt.”

In meinen Augen ist so einer kein Quer- sondern ein Kurz-Denker.

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